Lima 2021

«Obwohl eigentlich gerade gar nichts geht, geschieht manchmal ganz viel»

Der Schock, von der Schulter abwärts gelähmt zu sein, durchfuhr Marcel Stalder gleich zweimal. Wie der Frenkendörfer gelernt hat, damit umzugehen, ist ein Loblied aufs Leben – und ein Quell der Hoffnung.

Lucas Huber

Im Oktober 1989 erwachte Marcel Stalder aus dem Koma. Er war dem Tod nach einer Lungenembolie nur geradeso von der Schippe gesprungen. Nur verstand er nicht. Nicht, warum er in Nottwil war. Nicht, warum er seinen Körper nicht fühlen konnte. Nicht einmal, wie er hiess. «Meine Erinnerung war weg; ich musste lernen, wer ich bin.» Darum erinnerte er sich auch nicht daran, dass sich sein Leben einen Monat zuvor auf einen Schlag für immer verändert hatte.

  1. September 1989, und der TV Frenkendorf bereitete sich auf den Turnabend vor. Einer von ihnen war Marcel Stalder. Den Salto auf dem Trampolin sprang er mit Routine, auch an diesem Abend vor bald 32 Jahren. Was ihn dann ritt, welch ungestümer Leichtsinn, kann er sich nicht mehr zusammenreimen. Er war müde nach einem Tag in der Berufsschule, Lokomotivführer wollte er werden. Morgens hatte er eine Prüfung vergeigt und überlegte sich, überhaupt ins Training zu gehen. Er ging.

Es sind viele Kleinigkeiten, die dazu führten, dass Marcel Stalder dennoch ins Training ging, dass er sorglos turnte – und dass er schliesslich versuchte, anstatt des routinierten einfachen einen doppelten Salto zu springen. Den hatte er noch nie zuvor versucht. Nach der ersten Umdrehung verlor er die Orientierung, die Landung auf dem Kopf quetschte seinen fünften Halswirbel.

Die Heilsamkeit des Schreibens
Da lag er also, bei vollem Bewusstsein und klaren Verstandes. Er erinnert sich noch, wie er sich wunderte, dass er keinen Schmerz fühlte. Doch als er aufstehen wollte, war da kein Körper. Nichts reagierte, nichts fühlte. Bis auf eine Ahnung, die zur Panik keimte und schliesslich zur Gewissheit wurde. Marcel Stalder, 21-jährig, war von nun an Tetraplegiker, gelähmt von den Schultern abwärts. Nie mehr turnen, nie mehr gehen, nie mehr autofahren, nie mehr allein auf Toilette. Vier Wochen später, gerade erwacht nach der Embolie, machte er das alles noch einmal durch. Heute, mittlerweile 52-jährig, kommentiert er das lakonisch: «Einmal reichte nicht; ich habe alles noch einmal erlebt.» Dann lacht er.

Wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?
Ich brauchte lange um es zu akzeptieren, und manchmal hadere ich auch heute noch. Aber ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden. Was mir sehr geholfen hat, sind meine Bücher. Zu schreiben half mir, meine Gedanken zu ordnen. Schreiben war heilsam. Ich hoffe, dass ich damit auch anderen Hoffnung machen kann.

In Ihrem Buch habe ich gelesen, dass sie zuerst vor allem eins wollten: sterben.
Ich sagte meinem Vater, er solle mir eine Kugel in den Kopf jagen, damit dieser Alptraum ein Ende nimmt. Vor allem die Nächte waren anfangs schlimm. Da war ich allein mit meinen Gedanken, der blanke Horror.

Doch Sie schöpften neuen Lebensmut
Ich fand Wege, mich zurück ins Leben zu kämpfen, und langsam wichen Wut und Verzweiflung der Hoffnung. Ich besann mich meiner Träume. Damit, auf den Rollstuhl angewiesen zu sein, habe ich mich schliesslich arrangiert – er gehört zu mir. Was mich wirklich zurückwarf, ist die Lungenembolie.

Inwiefern?
Aufgrund des Herzstillstands und des Sauerstoffmangels wurde mein Gehirn geschädigt. Seither fällt es mir schwer, mir Dinge zu merken. Mein Gedächtnis hat stark gelitten. Deshalb brauche ich viele Routinen. Ich habe zum Beispiel eine KV-Ausbildung begonnen, musste sie aber abbrechen, weil meine Lernfähigkeit dafür zu eingeschränkt war. Plötzlich war das Lernen für mich zu anstrengend.

Marcel Stalder wohnt gemeinsam mit seiner Mutter in jenem Haus, das seine Eltern damals gerade bauten, im Herbst 1989. Es mag zynisch klingen zu meinen, das Timing wäre gut gewesen. Aber das war es gewissermassen tatsächlich, denn es reichte gerade noch, den Architekten einen Lift einplanen zu lassen. Der führt hinauf in Marcel Stalders Zimmer, im Obergeschoss, Dachschräge, Pflegebett, Waschbecken, Schreibtisch, der Computer.

Selbstständig dank Jamie
Hier hat er seine zwei Bücher geschrieben, das erste tatsächlich mit Händen, die er kaum bewegen kann. Er schnallte sich dafür einen Pen an die Hand, mit dem er die Tasten einzeln antippte. «Darum ist das zweite auch viel umfangreicher geworden», sagt er grinsend. Sein zweites Buch hat er mit einer Spracherkennungssoftware eingesprochen. Auch E-Mails schreibt auf er diese Weise – und das weitaus zügiger, als der Journalist daneben auf seinem Laptop mitzuschreiben vermag.

Ein anderes Hilfsprogramm ist Jamie. Jamie heisst nicht wirklich so, den Namen hat ihr ihr Besitzer gegeben. Sie ist eine App auf Marcel Stalders Smartphone, das an einem Greifarm über seinem Bett klemmt. Mit ihr steuert er die Heizung, das Licht und die Rollläden, wählt die Radio- und Fernsehsender, telefoniert, diktiert Google-Suchanfragen und WhatsApp-Nachrichten.

«Das Internet ist mein Tor zur Welt. Die technischen Entwicklungen geben mir sehr viel Freiheit», sagt er, «ein wertvolles Stück Selbstständigkeit.» Für alles andere – das Essen und das Waschen, das Anziehen und Husten und den Toilettengang – braucht er Hilfe. Seine Mutter, sein Bruder, der Cousin, der gleich nebenan wohnt, die Nachbarn, schliesslich die Spitex.

Roadtrip durch Nordamerika
Auf Hilfe angewiesen zu sein hat Marcel Stalder nie davon abgehalten, seine Träume zu verwirklichen. Etwa das Reisen, und hier sind keine Wochenendausflüge ins Tessin gemeint, sondern Fernreisen nach Kenia, Thailand oder die USA. Handelte sein erstes Buch noch vom Weg zurück ins Leben, davon, wie er lieber sterben wollte als so zu leben, schliesslich aber neuen Lebensmut schöpfte, so beschreibt das zweite einen einjährigen Roadtrip quer durch Nord- und Mittelamerika. Es ist das Zeugnis eines Mannes, der trotz Rollstuhl nicht stillsitzen kann. Seine Weggefährten dafür fand er übrigens im Internet.

Als das Reisen im vergangenen Jahr plötzlich kaum mehr möglich war, warf das auch Marcel Stalders Pläne über den Haufen. Anstatt nach Teneriffa fuhr er nach Zermatt, anstatt nach Frankreich verschlug es ihn an den Bodensee. Doch der Lockdown hatte auch sein Gutes: Über seine Homepage trat eine Frau mit ihm in Kontakt, die er heute als seine Freundin bezeichnet. Nun flattern die Schmetterlinge, gerade erst kehrten sie aus ihrem ersten gemeinsamen Urlaub zurück. Marcel Stalder strahlt: «Manchmal geschieht eben ganz viel, obwohl eigentlich gar nichts geht.»

Am 3. Juni 2021 hält Marcel Stalder in Frenkendorf einen Vortrag zu seinen Reisen, 19 Uhr, Bürgergemeindehaus, Hauptstrasse 2.

www.staldi.ch

((Wettbewerbsbox))

Bücher gewinnen
Das LiMa verlost drei Sets von Marcel Stalders Büchern «May it be – möge es sein» und «Move on – weiterfahren», die von seinem Kampf zurück ins Leben respektive seinem Roadtrip durch Nordamerika handeln. Mitmachen unter EMAILADRESSE, Teilnahmeschluss ist der DATUM. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden im Anschluss benachrichtigt. Viel Glück.